„Der Mensch fängt nicht erst beim Akademiker an!“

FRG. Am 26. September ist Bundestagswahl. Armin Laschet (CDU), Annalena Baerbock (Grüne) und Olaf Scholz (SPD) kämpfen darum, wer die nächsten sechs Jahre das Land als Kanzler regieren darf. Anlass für die PNP, in einer Interviewserie den Direktkandidaten des Wahlkreises Deggendorf auf den Zahn zu füllen. Heute sagt der Grafenauer Muhanad Al-Halak (FDP) unter anderem, warum man nicht unbedingt studieren muss, um erfolgreich zu sein.
Herr Al-Halak, schon ein Zimmer in Berlin gefunden? Die Umfragen stehen ja gut für die FDP.
Das ist aktuell das Letzte, worüber ich mir Gedanken mache. In erster Linie ist mir ein erfolgreicher Wahlkampf für die FDP wichtig.
Erlauben Sie am Anfang eine persönliche Frage, die sich sicher viele stellen: Wie können Sie sich so ein luxuriöses Leben leisten? Schicke Anzüge, schnelle Autos, Selfies aus teuren Hotellobbys? Es wird gemunkelt, dass ein oder mehrere Gönner hinter Ihnen stehen und das Ganze finanzieren. Ist da etwas dran?
Ich habe mir alles aus eigener Leistung geschaffen, eine handwerkliche Ausbildung gemacht und den Meisterbrief erworben. Seit knapp 15 Jahren arbeite ich bei der Stadt Grafenau als Abwassermeister. Für meine Hobbys und die ehrenamtliche Arbeit als Stadt- und Kreisrat gebe ich das Geld gerne wieder aus.
Sie gelten als Beispiel gelungener Integration. Werden Sie, falls gewählt, hier auch einen Schwerpunkt Ihrer Arbeit setzen?
Ja natürlich! Ich setze mich dafür ein, dass Menschen auch aus anderen Kulturkreisen Chancen bekommen, in unserem Land gut zu leben. Dafür stehe ich mit meiner eigenen Biografie. Ich habe die Sprache und einen Beruf gelernt, war bereit, mich in die Gesellschaft einzubringen und bin von ihr positiv aufgenommen worden. Das möchte ich weitervermitteln und meinen Teil dazu beitragen, dass bestehende Hindernisse auf diesem Weg für beide Seiten abgebaut werden. Fördern und fordern ist die Devise.
Sie sind ja schon sehr früh aus dem Irak geflüchtet. Und kommen jetzt, wenn alles klappt, in den Deutschen Bundestag. Hätten Sie sich das einmal träumen
lassen?
Natürlich nicht! Aber es ist ein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft, dass ein Zuwanderer wie ich eine solche Chance bekommt. Und es spricht für die FDP.
Haben Sie gezielt auf dieses Ziel hingearbeitet? Oder war es doch auch ein wenig Zufall? Wollten Sie schon immer in die Politik?
Ich wollte mich schon immer für unsere Gemeinschaft engagieren, die mich positiv aufgenommen und geprägt hat. Letzten Endes ist der Weg in die Politik deshalb eine
folgerichtige Entwicklung. Ein erster Schritt dazu bot sich mit der Kommunalpolitik.
Hier habe ich trotz der kurzen Zeit viele positive Erfahrungen gesammelt, werde ernst genommen und kann mit meinen Vorschlägen dazu beitragen, dass die Menschen mit ihren Sorgen, Nöten und Anliegen gehört werden.
Warum die FDP? Sie hätten ja auch zu jeder anderen Partei gehen können?
Bei der FDP spielen soziale Herkunft, Geschlecht und Hautfarbe keine Rolle. Hier zählen die eigene Leistung und das Engagement. Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, werden unterstützt, aber Eigeninitiative steht im Vordergrund. Das alles sind auch meine Überzeugungen.
Was macht Ihre Bayerwald-Heimat lebens- und liebenswert? Und was könnte man verbessern?
Die Menschen, die hier leben, machen für mich meine Heimat lebenswert. Vor einigen Tagen hat mich eine ältere Frau angesprochen und mir gesagt: „Ich werde
dich immer wählen, denn du bist einer von uns.“ Das hat mich persönlich sehr berührt und mich in meiner Absicht bestärkt, mein Bestes für die Mitmenschen zu geben. Dazu gehört zum Beispiel, dass junge Leute eine gute Ausbildung bekommen, damit sie hier leben und Familien gründen können, dass es mehr Möglichkeiten für Frauen gibt, Arbeit und Familie zu verbinden, damit sie für das Alter abgesichert sind.
Allein wird die FDP aller Voraussicht nicht regieren können. Sie könnte aber Königsmacher sein. Mit wem würde der Abgeordnete Al-Halak am liebsten koalieren?
Für mich und die FDP ist es wichtig, unsere Inhalte durchzusetzen. Unser Ziel ist es, so stark zu sein, dass eine Regierungsbildung ohne die FDP nicht möglich ist.
Was könnte die Region von einem FDP-MdB Al-Halak erwarten?
Ich will mich dafür einsetzen, dass die berufliche Bildung den verdienten höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommt und das Image des Handwerks gehoben wird. Der Mensch fängt nicht erst beim Akademiker an!
Vor allem bei jungen Menschen möchte ich für eine berufliche Ausbildung werben. Ich selbst stehe für eine erfolgreiche Karriere als Handwerker. Darüber hinaus will ich dazu beitragen, die Probleme und Anliegen von Facharbeitern und kleinen Unternehmern gerade in einer strukturschwachen Region wie dem Bayerischen Wald sichtbarer zu machen als es derzeit der Fall ist.
Wir brauchen dringend den Breitbandausbau, weil schnelles Internet die Autobahn der Zukunft ist.
Wie schaut Ihr Wahlkampf aus? Welche Schwerpunkte setzen Sie? Sie sind ja auf Social Media sehr stark vertreten. Wie groß ist Ihr Team hinter Ihnen?
Ob Infostände, Veranstaltungen oder Gespräche beim Einkaufen: für mich ist es wichtig, bürgernah zu sein. Um vor allem von jungen Leuten möglichst viel Feedback zu bekommen, bin ich auf sozialen Medien stark vertreten. Hier bekommen die Userinnen und User mit, dass mir die Digitalisierung ein großes Anliegen ist, weil es neue Chancen eröffnet, gerade für junge Menschen auf dem Land.
Hier sehe ich auch eine positive Seite der Corona-Pandemie: Wir sind in diesem Bereich doch ein
Stück weitergekommen. Homeoffice hat gezeigt, dass man nicht in der Großstadt leben oder lange Pendlerwege zurücklegen muss, um einen guten Beruf auszuüben.
Das Team, das mich in meinen Anliegen unterstützt, besteht aus FDP-Mitgliedern,Kreisvorstand, Kreisverbänden, Bezirksvorständen oder auch erfahrenen Abgeordneten wie Alexander Muthmann. Von ihnen bekomme ich sehr große Unterstützung und dafür bin ich sehr dankbar.
Themenwechsel. In Afghanistan herrscht Chaos. Die Taliban haben die Macht übernommen. War es richtig, dass sich die Westmächte dort engagiert haben? Und jetzt Hals über Kopf das Land wieder verlassen haben?
Das Drama in Afghanistan zeigt, dass der Westen mit seinem Versuch gescheitert ist, auf ein völlig anders strukturiertes Land sein System zu übertragen. Trotz der großen Opfer und des riesigen finanziellen Aufwandes ging es schief. Eine wesentliche Lehre aus dieser völlig missglückten Mission muss sein, bei künftigen Auslandseinsätzen Dauer und Ziel von Anfang an klar zu definieren, damit sich eine Katastrophe wie in Afghanistan nicht wiederholt. Das gilt auch für Mali.
Wo werden Sie den Wahlabend verbringen?
Höchstwahrscheinlich mit der Familie Zuhause vor dem Fernseher.
Baerbock, Scholz oder Laschet – wer wäre der bessere Kanzler?
Mich sprechen weder die zwei Kandidaten noch die Kandidatin zu hundert Prozent an.
ZUR PERSON
Muhanad Al-Halak
wurde am 31. Juli 1989 geboren. Er kam 2001 im Alter von 11 Jahren aus dem Irak nach Deutschland. Er lebt in Grafenau.
Beruf: Seit September 2006 im öffentlichen Dienst bei der Stadt Grafenau, seit April 2012 Abwassermeister der Stadt Grafenau.
Politik: Seit 2016 Mitglied bei der FDP, seit Mai 2020 gewählter Stadtrat sowie gewählter Kreisrat, Seit Juli 2020 gewählter Kreisvorsitzender der FDP, seit September 2020 Beisitzer im Bezirksvorstand Niederbayern.
Ehrenamt: Feuerwehr Grafenau, ehrenamtliche Unterstützung verschiedener Vereine.
Die Fragen stellte Andreas Nigl